Dumm fickt gut

Die Welt platzt vor lauter Vorurteilen. „Dumm fickt gut!“ gehört dazu. Oder „size doesn’t matter“. Oder „Frauen ficken lieber mit den Arschlöchern und heiraten dann die Braven“. Oder was da sonst noch alles durch die Kanäle und die Gehirne geistert.

Die Sache klärt sich rasch, wenn ich mir überlege, welchem Zweck Vorurteile dienen. Es geht um Orientierung. Bei komplexen Wechselbeziehungen – und das sind Beziehungen zwischen Menschen allemal, vor allem dann, wenn Sex im Spiel ist – ist es im Einzelfall nicht so leicht, sich auszukennen. Man wüsste aber doch gern, woran man ist. Also hält man sich an bewährte Regeln, aus den verschiedensten Quellen und eher selten aus der eigenen Erfahrung. Das sind dann die Vorurteile, und die klingen wie oben zitiert. Oder ähnlich.

Vorurteile sind außerdem in aller Regel aufgeladen mit Projektionen. Sie helfen verlässlich dabei, sich selbst besser zu fühlen und andere abzuwerten. Solange die Welt entlang meiner fixen Annahmen funktioniert, darf ich mich bestätigt fühlen. Wenn mal Sand ins Getriebe gerät, habe ich Anlass, meine Standpunkte zu überdenken. Störungen sind immer willkommen. Oder aber ich panzere. Aggressive Abwehr ist oft ein Symbol dafür, dass jemandes Weltbild ein wenig ins Wackeln geraten ist.

Was das alles mit BDSM zu tun hat? Ich meine: sehr viel. Wir, die wir in dieser tollen Subkultur unterwegs sind, kennen alle die Diskussionen darüber, was ein „richtiger Top“ an Eigenschaften mitbringen und in welcher Weise sich eine „richtige sub“ unterwerfen müsse. Das wird bisweilen erbittert diskutiert, ohne dass dieser Kampf ums richtigere Richtig jemals entschieden wäre. Es reicht aber oft, um das Dazugehören zu definieren oder ein „Du bist keiner von uns!“ abzusondern.

Wir entkommen den Vorurteilen nicht. Und es sei wiederholt: Sie dienen schließlich auch der Orientierung, wir können im Alltag nicht alles und jeden im Einzelnen überprüfen.

Wenn es allerdings dann um echte Begegnung geht, scheiden sich die Geister. Verschanze ich mich hinter dem Verhaltensrepertoire einer Rolle? Bin ich also „richtiger Top“ oder „perfekte sub“? Oder riskiere ich die offene Wechselbeziehung einer Begegnung, in der sich Dominanz und Unterordnung als „freies Spiel der Kräfte“ ganz natürlich entwickeln?

Zugegeben, das ist ein wenig blauäugig gedacht. Gerade am Anfang einer Beziehung hilft es, wenn bewährte Rituale und Rollenverhalten zur Verfügung stehen. Das verleiht Sicherheit und bereitet den Boden, dass mit wachsendem Vertrauen aus schematischem Tun authentisch und saftig gelebte Unmittelbarkeit von Lust und Leid entstehen kann. Dass die Menschen hinter den Rollenspielen sichtbarer werden.

Das ist dann freilich auch eine zweite Schwelle, die oft zu nehmen ist – wenn jenseits der mehr oder weniger perfekt gespielten Rollen sichtbar wird, wer dahintersteht, mit allen Stärken und Schwächen, sozusagen nackt. Ist dieser Mensch dann auch noch der, den ich wollte, oder wäre er besser das geblieben, was ich als Erfüllung meiner Begegnungsklischees gesucht habe?

Da schlägt dann oft eine Stunde der Wahrheit, die beileibe nicht immer angenehm ist.

gürtel

Melitta war kein Kaffeefilter, sondern das Ergebnis einer kurzen Annäherung aus einem Kontaktinserat heraus, das sie aufgegeben hatte. Ein paar Sätze, das Einverständnis, dass wir offenbar das Gleiche anstrebten, nämlich eine offene Spielbeziehung – auch sie war verheiratet. Und wir wollten einfach ausprobieren, wie es sich anfühlte miteinander. Die wichtigen Dinge waren rasch geklärt, die Grenzvereinbarungen abgesteckt, das Covern war organisiert. Sie kam pünktlich und war eine Freude fürs Auge, auch ihr Tattoo, das sich über den gesamten Rücken erstreckte, war keine Geschmacksverirrung wie so oft.

Melitta folgte willig aufs Wort, präsentierte sich schamlos, ließ sich fesseln, maßvoll züchtigen, ertrug mit lustvollem Beben das Wachs und explodierte in einem heftigen Orgasmus, den zwei Dildos und der Hitachi hervorgerufen hatten. Beim anschließenden tiefen Facefuck schluckte sie ergeben mein Ejakulat und leckte mich beflissen sauber.

Dann saßen wir auf der Couch, ich wollte mit ihr schmusen, aber: „Du, sei mir nicht bös, aber es passt irgendwie nicht!“ Ich schaute wohl ziemlich entgeistert drein und entgegnete: „Echt? Ich hatte den Eindruck, dass du ziemlich heftig und nachhaltig reagiert hast!?“ Ums abzukürzen: Melitta hatte sich geil benutzt gefühlt, aber nicht dominiert. Ich hatte, wie ich dieser Tage in einem klugen Profil einer sub gelesen hatte, ihren Körper gefickt und nicht ihren Geist. Und sie hatte ihre Vorstellung, dass sie eben als Dreckstück, als Schlampe behandelt werden und nicht liebevoll gestreichelt werden wollte. Hilft nix zu erklären, dass für mich auch der Austausch solcher Zärtlichkeiten ein Aspekt des Benutzens einer sub wäre, eine andere Form der Lust an ihrer Fleischlichkeit … da gibt es, ich sagte es schon, keine zweite Chance, einen ersten Eindruck zu hinterlassen. „Schau nicht so traurig!“ tröstete sie mich. „Wenn ich mal wieder Lust habe, so richtig gut benutzt zu werden, melde ich mich. Okay!?“

Natürlich sah ich sie nie wieder. Und das war schon okay so. Menschen passen zueinander oder nicht. Es macht klick oder es bleibt stumm im Bauch. Und wenn ich ehrlich war: Es war auch für mich eher ein engagiert abgearbeitetes Programm gewesen, mehr nicht. Tolle Nummer ohne unguten Nachgeschmack. Und viel besser so, als hätten wir es nicht drauf ankommen lassen und immer das Gefühl gehabt, etwas versäumt zu haben.

Wenn Menschen einander begegnen, ist eben alles möglich. Wenn sie so frei sind, ihre Vorurteile und ihr Wunschdenken zu hinterfragen und sich dem zu stellen, was wirklich da ist. Oder wovon man annimmt, dass es wirklich da ist. Dann ist alles möglich, dann sind Beziehungen möglich, in denen authentisch gelebte Dominanz sich mit leidenschaftlicher Submission trifft. Dieses wundervolle Gefühl: „Es passt einfach!“ Diese Augenblicke, die man nur in der zeitlosen Genussdimension des Hier & Jetzt auskosten kann. Und die ganz schnell zum schalen Ritual verkommen, wenn man sie festzuhalten versucht.

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